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Schrein der Gezi-Park-Toten

Donnerstag, 18. Juli 2013 , von Freeman um 12:00

Auf meinem Weg nach Zentralasien machte ich einen Zwischenstopp in Istanbul. Dabei besuchte ich den Gezi-Park, um mich über die Protestbewegung zu informieren. Wie bekannt, sind die Proteste in der Türkei anhaltende Aktionen von Bürgern gegen die derzeitige Regierung von Recep Tayyip Erdoğan.

Bilder der politischen Gefangenen werden gezeigt


Arbeiter äussern auch ihre Unzufriedenheit

Kamerateams fangen die Meinung der Parkbesucher ein

Die Protestwelle begann am 28. Mai 2013 in Istanbul mit Demonstrationen gegen ein geplantes Bauprojekt auf dem Gelände des Gezi-Parks, der unmittelbar an den Taksim-Platz angrenzt. Nach der Eskalation des Konfliktes infolge eines gewaltsamen Polizeieinsatzes am 31. Mai 2013 opponierten Demonstranten in mehreren türkischen Grossstädten gegen die als autoritär empfundene Politik der islamisch-konservativen Regierungspartei Adalet ve Kalkınma Partisi (AKP).

Der Gezi-Park wurde dabei zu einem Symbol zivilgesellschaftlichen Widerstandes gegen das Regierungssystem und gegen überzogene Polizeigewalt. Eine wichtige Rolle spielte bei der auch „Occupy-Gezi“ genannten Protestbewegung die Besetzung des Taksim-Platzes. Um den Platz fanden heftige Auseinandersetzungen mit der Polizei statt, wie bei seiner gewaltsamen Räumung am 12. Juni. Bis jetzt sind sechs Demonstranten durch die Polizeigewalt ums Leben gekommen.

Wie es der Zufall will fand an dem Tag wo ich den Gezi-Park besuchte, die Errichtung des "Schreins" der sechs Toten statt. Das war übrigens die einzige Aktion die stattfand, denn wie mir von den Aktivisten berichtet wurde, wird jede politische Aktion sofort von der Polizei beendet. Sobald eine Versammlung stattfindet und Plakate erscheinen wird diese Meinungsäusserung von der Polizei unterbunden.

Wir sind alle Çapulcu!

Das "Gesindel" im Park bittet um Zigarettenspenden

Erdoğan hat die Demonstranten „Çapulcu“ oder Gesindel genannt, eine bodenlose Frechheit und Beleidigung. Statt sich als Premierminister aller Türken zu sehen, was seine Aufgabe als Regierungschef wäre, meint er nur die AKP-Wähler zu vertreten. Bei einer Sperrklausel für Wahlen von sagenhaften 10 Prozent, ist es lächerlich und völlig falsch zu behaupten, die AKP oder Erdoğan vertreten die Mehrheit der Wähler.


Wenn man es genau nimmt und die Stimmen die wegen dieser Hürde unter dem Tisch gefallen sind berücksichtigt, dann hat die AKP höchstens 25 Prozent der Stimmen. Erdoğan gibt sich aber als diktatorischer Führer und der Personenkult ist sehr penetrant. In jeder Stadt sieht man sein Portrait im Grossformat aufgehängt. Man stelle sich vor, in Deutschland wäre an vielen Hausfassaden ein riesen Foto von Angela Merkel zu sehen (Igitt). In der Türkei schaut aber Recep überall auf einen herunter.

Der Aufbau des Schreins für die sechs Toten begann zuerst mit dem Beschriften der Granitsteine mit ihrem Namen. Das zog die Aufmerksamkeit der Passanten an. Danach wurden die sechs Steine zentral platziert. Es begannen die Leute Blumen darum zu legen. Am Schluss am Abend wurden die Portraits der Toten hinzugefügt und Kerzen angezündet.


 










Wie lange der Schrein für die Gezi-Park-Toten so geblieben ist kann ich nicht sagen. Am nächsten Tag reiste ich weiter in Richtung Osttürkei.

Das neue Alkoholgesetz in der Türkei scheint sehr wirksam zu sein. In keinem Restaurant auf der Durchreise gab es zum Beispiel ein Bier zum Essen. Nur in Istanbul im Hotel konnte ich so den Durst wegen der Hitze löschen. Alkoholfreies Bier ist auch scheinbar unbekannt. Für mich ein weiterer Beweis für die islamistische Agenda von Erdogan. Die meisten Wirte mit denen ich sprach bedauerten das sehr. Muss man halt Ayran, Çay oder Wasser akzeptieren.

insgesamt 4 Kommentare:

  1. Mic Foc sagt:

    Wünsche weiter eine gute Reise mit Erholung um deinen Blog schnellstmöglich wie bisher qualitativ wie quantitativ fortzusetzen!

  1. Das blüht uns allen auch noch.Hat ja schon in Frankfurt angefangen

  1. Che Rnobyl sagt:

    TAKSIM-PLATZ IST ÜBERALL !!!
    So stand es auf einem Plakat der FC St.Pauli Fans vor 10 Tagen beim Testspiel gegen Besiktas Istambul. Denn die Besiktasfans waren enorm am Protest gegen Erdogan beteiligt. Wir, 20000 anwesenden Paulianer wollten uns mit ihnen solidarisieren und riefen lautstark Besiktas. Das Spiel hat niemanden interesiert. Ich habe von allen Seiten auf der Tribüne nur Sprüche gehört wie "Von den Türken können wir noch einiges lernen" Ein kleiner Lichtblick aus D aber immerhin.

  1. air-jump sagt:

    Seit wann besteht die 10% hürde?